Leichte Sprache zum Nulltarif?

Was es wirklich kostet, wenn Kommunikation nicht verstanden wird

Leichte Sprache kostet Geld. Das ist eine Tatsache, die wohl niemand bestreiten würde. Es braucht Fachleute, die Texte übertragen, und Prüfgruppen, die sie auf Verständlichkeit testen. Und es braucht Illustratorinnen und Designer, die Bilder und Layout an die Bedürfnisse der Zielgruppe anpassen. Wenn öffentliche Kassen knapp sind, fallen Leichte-Sprache-Aufträge mit als erstes weg. Nach dem Motto: “Liest ja eh’ keiner”. Oder: “Die Zielgruppe ist eh’ viel zu klein”. Aber was auf den ersten Blick wie eine vernünftige Einsparung aussieht, hat Folgen. Und mit Folgen meine ich nicht die Haushaltspläne der öffentlichen Verwaltung, sondern die Folgen im Alltag von Menschen, die auf Leichte Sprache angewiesen sind.

Zur Erinnerung: Ja, Leichte Sprache wurde ursprünglich für Menschen mit Lernschwierigkeiten entwickelt. Aber das ist lange her. Mittlerweile gibt es breiten Konsens darüber, dass Leichte Sprache auch für einen erhelblichen Anteil der Bevölkerung in Deutschland wichtig ist, der primär keine kognitiven Einschränkungen hat. Das sind zuallererst einmal alle Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Und das sind auch viele, viele Menschen mit diversen Einschränkungen, ob temporär oder dauerhaft, die sich mit komplexer Sprache schwer tun. Nachzulesen gerne hier in einem früheren Blogbeitrag.

Wenn Sprache zur Barriere wird

Das immer wieder zitierte Beispiel: Eine Person erhält einen Brief vom Amt. Der Text ist juristisch korrekt, formal einwandfrei, für Fachleute völlig klar. Aber die Person, die ihn bekommt, versteht ihn nicht. Vielleicht hat sie eine Lernbehinderung. Vielleicht ist Deutsch nicht ihre Erstsprache. Vielleicht hat sie einfach nie gelernt, mit Behördendeutsch umzugehen. Der Brief landet im Müll oder bestenfalls auf irgendeinem Stapel. Die Information kommt nicht an, und die Person weiß nicht, was von ihr erwartet wird oder welche Möglichkeiten sie hat.

Genau das habe ich selber schon erlebt: Ein rollstuhlfahrender Bekannter von mir, mit dem ich zusammen einen Antrag auf Beförderungshilfe gestellt habe, erhält die schriftliche Bewilligung. Und versteht NICHTS. Legt den Brief auf den Stapel der Briefe, die er nicht versteht. Und lebt sein Leben weiter. Erst durch mein Nachhaken wurde klar, dass er längst Beförderungsdienste in Anspruch nehmen könnte. Wenn er denn den Brief verstanden hätte. Hat er aber nicht. Und so hat er sich einfach weiter abgemüht wie zuvor. Ohne Fahrdienst und ohne HIlfe.

An welcher Stelle hätte man den Prozess zum Guten wenden können? Genau. Man hätte den Brief mit der Bewilligung in verständlichem Deutsch verfassen können. Statt zu schreiben “Ihrem Antrag auf Gewährung eines Persönlichen Budgets zur Deckung Ihres individuellen Hilfebedarfs stimmen wir hiermit zu (…) wird Ihnen Persönliches Budget zur selbstbestimmten Inanspruchnahme von Teilhabeleistungen bewilligt” hätte der Brief einfach lauten sollen: “Wir geben Ihnen Geld.” Nun ist dieser Konflikt, dieses ganz persönliche kleine Drama, im Stillen abgelaufen. Niemand außer mir und meinem Bekannten hat es bemerkt. Und genau diese Stille ist das Problem, denn sie führt dazu, dass das Problem unsichtbar bleibt.

Aber es geht längst nicht nur um Post vom Amt. Es geht um alles, was unser Zusammenleben ausmacht: Ein Museum stellt sein neues Programm online. Ein Kino bewirbt seinen Familientag. Eine Initiative lädt zur Pflanzentauschbörse im Stadtpark ein. Ein Verein organisiert ein Sprachcafé für den Stadtteil. Eine Bürgerinitiative ruft zu einer Demonstration auf. All das sind Gelegenheiten, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, Menschen zu begegnen, sich zugehörig zu fühlen. Und all diese Informationen sind in einer Sprache verfasst, die ein erheblicher Teil der Bevölkerung nicht versteht.

Was das bedeutet, ist ernüchternd: Wer die Einladung nicht versteht, kommt nicht. Wer nicht versteht, was im Museum gezeigt wird, geht nicht hin. Wer die Infos zum Sprachcafé nicht lesen kann, erfährt nicht, dass es existiert. Es braucht keine ausdrückliche Ablehnung, um Menschen auszuschließen. Es reicht, sie sprachlich nicht mitzudenken. Die Tür ist theoretisch offen, aber der Weg dorthin ist versperrt.

Und das sind keine einzelnen, isolierten Geschichten, sondern es geschieht Tag für Tag, Veranstaltung für Veranstaltung, Internetseite für Internetseite. Für die Betroffenen entsteht so nicht ein einzelnes Missverständnis, sondern ein dauerhafter Zustand. Sie erleben ständig das Gefühl, nicht gemeint zu sein. Nicht dazuzugehören. Nicht Teil dieser Gesellschaft zu sein, die doch eigentlich für alle da sein will.

Die unsichtbare Rechnung

Das Problem ist, dass dieser Ausschluss in keiner Statistik auftaucht. Niemand zählt die Menschen, die nicht ins Museum gegangen sind, weil sie die Website nicht verstanden haben. Niemand erfasst, wie viele Briefe ungelesen liegen geblieben sind. Niemand fragt nach, wer zur Pflanzentauschbörse gekommen wäre, wenn die Einladung verständlich gewesen wäre.

Die Kosten dieser Unsichtbarkeit sind real, auch wenn sie sich nicht in Euro beziffern lassen. Die Zeche zahlen wir im Sinne von mangelndem gesellschaftlichem Zusammenhalt, wenn ein Teil der Bevölkerung dauerhaft abgehängt wird. Oder im Sinne von mangelnder Integration, wenn Angebote zwar existieren, aber nicht bei denen ankommen, für die sie gedacht sind. Die Unsichtbarkeit geht auch zulasten des Vertrauens in öffentliche Einrichtungen, wenn Menschen das Gefühl bekommen, dass sie in der Rechnung nicht vorkommen.

Und ja, es sind auch ganz praktische Kosten. Wenn Menschen ihre Post vom Amt nicht verstehen, brauchen sie Unterstützung. Das können Angehörige sein, aber auch Beratungsstellen oder die Behörden selbst. Dieser Aufwand entsteht nicht, weil die Menschen nicht wollen, sondern weil die Kommunikation sie nicht erreicht. Verständliche Texte von Anfang an wären in vielen Fällen der einfachere und günstigere Weg.

Die KI als vermeintlicher Ausweg

Wenn ein Problem unsichtbar ist, liegt es nahe, sich mit der erstbesten Lösung zufriedenzugeben. Denn das Problem ist ja einfach nicht bekannt.

Meiner Meinung nach passiert genau das gerade mit KI-generierten Texten in Leichter Sprache. Sprachmodelle wie ChatGPT können Texte vereinfachen, und auf den ersten Blick sehen die Ergebnisse oft passabel aus. Die Sätze werden kürzer, schwierige Wörter verschwinden, der Text wirkt zugänglicher. Für jemanden, der das Ergebnis nicht fachlich prüft, sieht das nach einer schnellen, günstigen Lösung aus – Problem erkannt, Problem gelöst.

Aber „zugänglicher” und „ Leichte Sprache” sind zwei sehr verschiedene Dinge. Leichte Sprache folgt einem festen Regelwerk. Es geht nicht nur um kurze Sätze oder die Vermeidung bestimmter grammatischer Formen, sondern um eine durchdachte, zielgruppenorientierte Textstruktur, um ein angepasstes Layout und es geht auch um angemessene Illustration zur Verdeutlichung des Textes.

KI-generierte Texte erfüllen diese Anforderungen bisher nicht zuverlässig. Sie produzieren Texte, die einfacher klingen, aber die Zielgruppe trotzdem nicht sicher erreichen.

Und hier entsteht ein gefährlicher Trugschluss: Wenn eine Einrichtung einen KI-generierten Text veröffentlicht und ihn als „Leichte Sprache” kennzeichnet, entsteht der Eindruck, man habe an alle gedacht. Tatsächlich aber versteht die Zielgruppe den Text möglicherweise ebenso wenig wie das Original – nur merkt es diesmal niemand, weil das Label „Leichte Sprache” wie ein Gütesiegel wirkt. Die Ausgrenzung bleibt bestehen, sie bekommt nur einen freundlicheren Anstrich. Und das ist in gewisser Weise sogar schlimmer: Denn jetzt kann man sagen, man habe ja etwas getan – während sich für die Betroffenen nichts geändert hat. Merke: Nur weil Leichte Sprache drauf steht, ist nicht unbedingt Leichte Sprache drin!

Das Problem, das im Abschnitt zuvor beschrieben wurde – die Unsichtbarkeit der Ausgrenzung –, wird durch KI nicht nur nicht gelöst. Es wird stattdessen sogar vergrößert. Denn nicht nur die Ausgrenzung bleibt unsichtbar, sondern auch die Tatsache, dass die vermeintliche KI-Lösung keine wirkliche Lösung ist.

Barrierefreiheit ist Infrastruktur

Vielleicht hilft ein Vergleich. Niemand würde auf die Idee kommen, bei einem öffentlichen Gebäude die Rampe für Rollstuhlfahrer wegzulassen, um Baukosten zu sparen. Nicht nur, weil es gesetzlich vorgeschrieben ist, sondern weil wir als Gesellschaft verstanden haben, dass physische Barrierefreiheit kein Sonderwunsch ist, sondern Grundvoraussetzung für Teilhabe.

Bei sprachlicher Barrierefreiheit sind wir noch nicht so weit. Leichte Sprache wird oft als großzügige Zusatzleistung wahrgenommen, als etwas, das man machen kann, wenn das Budget es hergibt. Aber Kommunikation ist genauso Infrastruktur wie ein Aufzug oder eine Rampe. Wenn Menschen wichtige Informationen nicht verstehen können, ist ihnen der Zugang zu ihren Rechten versperrt (siehe mein Bekannter im Rollstuhl) – und der Zugang zu dem, was unser Zusammenleben lebenswert macht: Kultur, Begegnung, Gemeinschaft.

Was das für Entscheiderinnen und Entscheider bedeutet

Wer über Budgets entscheidet, denkt in Zahlen. Das ist verständlich und richtig. Aber die Rechnung sollte vollständig sein. Die Frage ist nicht nur: Was kostet Leichte Sprache in Euro? Die Frage ist auch: Was kostet uns das Fehlen von verständlicher Information als Gesellschaft? Und daraus resultiert doch die Frage: Was für eine Gesellschaft wollen wir sein?

Eine, die Teilhabe ernst nimmt, muss dafür sorgen, dass ihre Informationen bei allen ankommen. Nicht nur bei denen, die Amtsdeutsch lesen können. Nicht nur bei denen, die sich auf komplexen Websites zurechtfinden. Sondern auch bei denen, die auf Leichte Sprache angewiesen sind, um zu verstehen, was um sie herum passiert, was sie betrifft und wozu sie eingeladen sind.

Leichte Sprache ist kein Luxusposten oder großzügige Geste. Sie ist eine Investition in Teilhabe, in Zusammenhalt und in eine Gesellschaft, die es ernst meint, wenn sie sagt: Wir sind für alle da.