Leichte Sprache ist wichtig

Wir alle kennen das aus dem Urlaub in unseren Lieblingsländern Italien oder Spanien: Das verschlafene Fischerdorf, das wir auf unserer Tour entdecken, das kleine Restaurant am malerischen Hafen, von dem aus wir den Sonnenuntergang beobachten können – und gottseidank kein Touristen-Hotspot! Außer uns und freundlichen Einheimischen kein Mensch, der die Idylle stören könnte. Aber die Speisekarte ist natürlich nur in der Landessprache verfasst.

Es gibt keine deutsche Übersetzung. Verwirrt und desorientiert irrt unser Blick über die vielen unverständlichen langen und kurzen Wörter; ratlos versuchen wir ein Wort zu erhaschen, an dem unser Blick sich verfängt. Ja, hier: Tonno, das ist doch was mit Thunfisch. Genau! Und hier: Pomodori, das sind Tomaten, das kenne ich von den Dosen aus dem Supermarkt. Und der Kellner steht schon eine Weile neben uns, wippt mit den Füßen und wartet auf unsere Bestellung. Bang und verunsichert bestellen wir wahllos etwas und wissen nur, es hat was mit Thunfisch oder Tomaten zu tun. Wird schon schmecken. 

Leichte Sprache ist sinnstiftend

Und genau so geht es Menschen, für die aus den unterschiedlichsten Gründen unser Deutsch eine „schwere Sprache“ ist. Ob diese Menschen sehbehindert sind, beeinträchtigt durch die unterschiedlichsten Einschränkungen oder Deutsch nicht als ihre Muttersprache kennengelernt haben: Sie alle fühlen sich so wie wir auf der Terrasse des kleinen Restaurants. Nur: Was für uns eine lustige Ferienanekdote ist, ist für diese Menschen Realität. Tagtäglich werden sie damit konfrontiert: Der Schulbrief, den das Kind mit nach Hause bringt, der Brief vom Finanzamt, der Arztbefund. Für diese Menschen ist es kaum oder nur schwer möglich, diese Dokumente sinnentnehmend zu lesen. Es ist kaum zu glauben, aber von circa 80 Millionen Menschen in Deutschland betrifft dieses Problem rund 17 Millionen!

Es ist wirklich nicht schwer zu erkennen, dass diese Menschen einen Bedarf haben: Einen Bedarf an einer leicht verständlichen Sprache, die ihnen die wichtigen Informationen auf einfache Weise vermittelt. Und genau hier setzt die Leichte Sprache an. Es geht nicht darum, diese Menschen klein und dumm aussehen zu lassen, indem wir in Babysprache – und am besten noch lauter als nötig – auf sie einreden. Nein, es geht darum, Texte alternativ auch in einer leicht verständlichen Version anzubieten, auf die sie zurückgreifen können, wenn ihnen das ‚normale‘ Dokument zu schwer verständlich erscheint. Leichte Sprache soll diese Menschen mitnehmen, ihnen die Angst vor Texten nehmen, ihnen helfen, am Alltagsleben teilzuhaben und sie mit den Informationen versorgen, die sie brauchen. Leichte Sprache will eine Brücke bauen.

Echter Mehrwert durch Leichte Sprache

Auch wenn Leichte Sprache auf uns Lesende befremdlich wirkt – sie ist in korrektem Deutsch verfasst. Sie verfolgt lediglich eine möglichst einfache Syntax und arbeitet mit einem sehr reduzierten Wortschatz. Die Texte sind stark gegliedert, was die Wahrnehmung erleichtert. Und es gibt häufig Bilder oder Piktogramme, die der Erläuterung dienen. Und ganz wichtig: Neben dem Text in Leichter Sprache gibt es auch immer den Originaltext. Es ist also immer nur ein Zusatzangebot, auf das jeder zurückgreifen kann, der – aus welchen Gründen auch immer – Verständnisschwierigkeiten mit dem Originaltext hat. 

Ihr seht also: Viele Menschen können von Leichter Sprache als Verständnishilfe profitieren. So wie wir von einer Verständnishilfe für die Speisekarte profitiert hätten. Aber es ist ja gutgegangen – der Thunfisch war hervorragend!

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