In meinem letzten Beitrag habe ich darüber geschrieben, was es kostet, wenn Kommunikation nicht verstanden wird. Nicht in Euro, sondern in Teilhabe, Zugehörigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Ich bin sicher, dass viele Einrichtungen das Problem durchaus sehen. Aber vielleicht ist das die falsche Herangehensweise. Vielleicht sollten wir uns eine ganz andere Frage stellen, nämlich: Wo fängst Du mit verständlicher Kommunikation an, wenn das Budget für professionelle Leichte Sprache gerade nicht da ist? Die einfache Antwort lautet: Du fängst einfach irgendwo an. Hauptsache, Du fängst überhaupt an!
Das Alles-oder-nichts-Problem
In vielen Verwaltungen und Kultureinrichtungen passiert in Sachen verständliche Kommunikation herzlich wenig bis gar nichts. Das geschieht nicht etwa aus Desinteresse, sondern vermutlich aus Überforderung, nach dem Motto: Leichte Sprache ist ein Fachgebiet mit eigenen Regeln, Prüfgruppen und Qualitätsstandards. Wenn wir das nicht vollständig und richtig machen können, lassen wir es lieber ganz.
Das ist nachvollziehbar. Aber es ist ein Denkfehler. Denn zwischen einem juristisch formulierten Bescheid, den kaum jemand versteht, und einem geprüften Text in Leichter Sprache liegt ein weites Feld. Und auf diesem Feld kannst Du Dich bewegen, ohne gleich alles perfekt machen zu müssen.
Leichte Sprache nach dem anerkannten Regelwerk ist eine Fachleistung. Aber verständlicher zu kommunizieren als bisher, ist eine Entscheidung, die jede Einrichtung sofort treffen kann. Und das ist wichtig: Es muss nicht sofort der große Wurf sein. Jede kleine Vereinfachung zählt! Gehe einfach viele kleine Schritte zur verständlichen Kommunikation.
Was sofort geht
Es gibt Dinge, die kein Budget erfordern, keine externe Beauftragung und keine monatelange Planung. Sie erfordern nur Deine Bereitschaft, den eigenen Text einmal mit anderen Augen zu lesen. Nämlich mit den Augen von jemandem, der ihn zum ersten Mal sieht und keinen fachlichen Hintergrund mitbringt. Ich nenne das den Perspektivwechsel.
Ein paar Ausgangsfragen, die Dir dabei helfen, die Perspektive zu verändern:
- Ist auf den ersten Blick erkennbar, worum es geht?
- Gibt es Fachbegriffe, die nicht erklärt werden?
- Muss man den Satz zweimal lesen, um ihn zu verstehen?
- Ist klar, was die lesende Person jetzt tun soll?
Nehmen wir ein Beispiel aus der Verwaltung. Ein Satz wie „Die Antragstellung ist unter Beifügung der erforderlichen Nachweise bis zum 30.06. an die zuständige Stelle zu richten” ist formal korrekt. Aber er verlangt von der lesenden Person, dass sie weiß, was die erforderlichen Nachweise sind, wo die zuständige Stelle ist und was „Antragstellung” konkret bedeutet. Ein verständlicherer Text würde diese Informationen nicht voraussetzen, sondern einfach gleich mitliefern.
Oder nehmen wir ein Museum, das auf seiner Website eine neue Ausstellung ankündigt. Wenn dort steht: „Die Ausstellung verhandelt Fragen post-kolonialer Erinnerungskultur im urbanen Raum”, dann weiß ein Fachpublikum, was gemeint ist. Aber die Familie, die vielleicht zum ersten Mal in dieses Museum geht, weiß es nicht. Ein zusätzlicher Satz, der in einfachen Worten erklärt, was einen erwartet, macht aus einem „Das ist nichts für mich” ein „Das klingt interessant, da gehe ich hin.”
Keine dieser Veränderungen erfordert ein Übersetzungsbüro. Es braucht nur Deine Bereitschaft, sich in das Lesepublikum hineinzuversetzen; Deinen ersten Schritt zur verständlichen Kommunikation.
Wo professionelle Leichte Sprache unverzichtbar bleibt
Das heißt nicht, dass man sich Fachleute sparen kann. Es gibt Texte, bei denen Verständlichkeit keine Stilfrage ist, sondern eine Notwendigkeit: Bescheide, die über Leistungen entscheiden. Informationen zu Gesundheit und Vorsorge. Formulare, bei denen falsche Angaben Konsequenzen haben. Hier reicht es nicht, Sätze zu kürzen und Fremdwörter zu streichen. Hier braucht es Menschen, die das Regelwerk beherrschen, und Prüfgruppen, die bestätigen, dass der Text bei der Zielgruppe ankommt.
Ich will damit nicht sagen: Verfass‘ Deine Leichte-Sprache-Texte doch alleine. Und ich will damit auch nicht sagen: Es braucht keine Profis. Ich will damit sagen: Warte nicht mit allem, bis Du ein Budget hast, um Profis einzukaufen. Fang dort an, wo Du selbst etwas verbessern kannst. Und sei Dir gleichzeitig im Klaren darüber, für welche Texte Du fachliche Unterstützung brauchst.
Verständlichkeit ist kein Projekt, sondern eine Haltung
Wenn Du einmal anfängst, Deine eigenen Texte auf Verständlichkeit zu untersuchen, stellst Du fest, dass sich etwas verändert, und zwar in der Art, wie Du über Deine eigene Kommunikation nachdenkst. Die Frage „Verstehen das alle, die es betrifft?” wird Dir allmählich zur Gewohnheit. Und Du stellst Dir die Frage dann nicht nur bei dem einen Flyer oder dem einen Bescheid, sondern bei Deiner Website, den Wegweisern im Gebäude, bei der Einladung zur Bürgerversammlung, beim nächsten Social-Media-Post. Und so weiter.
Verständlichkeit hat kein Verfallsdatum. Verständlichkeit kann entstehen, wenn sich unsere Art zu kommunizieren wandelt. Und wie jeder andere Wandel auch beginnt Verständlichkeit mit Deinem ersten kleinen Schritt. Dieser erste Schritt muss kein perfekter Text sein. Sondern Dein erster Schritt zur verständlichen Kommunikation kann die bewusste Entscheidung sein, dass Du von allen verstanden werden willst.