Eine gute Übersetzung in Leichte Sprache: Der Satz

In meiner Minireihe zu den Regeln für eine gute Übersetzung in Leichte Sprache habe ich bereits über die Textebene und die Wortebene berichtet. Ich fahre heute fort mit der Satzebene.

Die Beschäftigung mit der Satzebene ist der Zeitpunkt, an dem ich aktiv anfange zu übersetzen. Ich kenne den Ausgangstext bereits genau, habe mich damit beschäftigt, was das Lesepublikum erwartet, habe schwierige Begriffe, Metaphern oder abstrakte Begriffe identifiziert und mir überlegt, wie ich sie umschreibe. Jetzt beginnt die Satzarbeit. Und hier sind die wichtigsten Regeln, die du auf Satzebene beachten solltest, um eine gute Übersetzung in Leichte Sprache zu erzeugen:

Pro Satz nur eine Aussage

Eine gute Übersetzung in Leichte Sprache hat kurze und klare Sätze. Pro Satz gibt es möglichst nur eine einzige Aussage. Aber hier lasse ich durchaus mein Bauchgefühl zu und füge schon mal Infos zusammen, wenn die Inhalte sehr einfach sind, z. B. „Der Apfel ist rund und grün.“ Aber bei komplexeren Sätzen geht das nicht. „Der Postbote wurde von Herrn Müllers Hund gebissen.“ Das ist bereits zu viel Info, zu viel Grammatik (Genitiv, Passiv) und nicht leicht zu lesen. Hier isoliere ich alle Infos und packe sie in je einen Satz: „Herr Müller hat einen Hund. Der Hund hat den Postboten gebissen.“ Und damit kommen wir zur nächsten Regel:

SPO-Regel anwenden

Rückblick in unseren gehassten Deutschunterricht: Subjekt – Prädikat – Objekt. Daraus besteht normalerweise ein Satz. Also: Wer macht was mit wem / gegen wen / für wen / mit wessen Erlaubnis usw. Die SPO-Regel ist wichtig für Leichte Sprache, denn Sätze nach dem SPO-Prinzip lassen sich besonders gut und leicht lesen und verstehen. Schau nochmal zurück auf das Beispiel mit dem Postboten. Hier scheint der Postbote das Subjekt zu sein, aber das ist falsch. Der Postbote ist das Objekt. Er wurde gebissen. Das Subjekt ist der Hund. Klarheit schaffst du, wenn du immer mit dem Subjekt anfängst. Das klingt vielleicht nicht immer schön. Ist aber leicht zu lesen.

Keine Nebensätze

Kurz zur Wiederholung: Nebensätze sind Teilsätze. Sie ergänzen den Hauptsatz und werden mit einem Komma abgetrennt. Beispiel: „Obwohl der Hund von Herrn Müller bereits einige Male aggressives Verhalten zeigte, unternahm die Stadt bisher nichts dagegen.“ Da du bereits weißt, dass es pro Satz nur eine Aussage geben soll, ist es selbstverständlich, dass es in Leichter Sprache keine Nebensätze gibt. Eine Lösung sieht so aus: „Der Hund von Herrn Müller war schon oft aggressiv. Trotzdem hat die Stadt nichts dagegen getan“. Die Forschungsstelle Leichte Sprache hat hier Regeln entwickelt, wie man für eine gute Übersetzung in Leichte Sprache Nebensätze auflöst. Für jeden Anwendungsfall gibt es eine Lösung, die meiner Erfahrung nach immer gut funktioniert. Die Regeln kann man hier im Einzelnen nachlesen. Dennoch sehe ich an vielen Stellen Leichte-Sprache-Texte mit Kommas. Ich denke, das hat damit zu tun, dass man sich durchaus intensiv mit Grammatik und Semantik beschäftigen muss, um eine bessere Lösung zu finden. Vielleicht ist es auch ein bisschen Hilflosigkeit.

Aktiv statt Passiv

Eine gute Übersetzung in Leichte Sprache kommt ohne Passiv aus, denn verbunden mit dem Passiv ist eine komplexe Satzstruktur. Das hast du oben bereits beim bissigen Hund gesehen. Hast du solch eine Struktur in deinem Text, suche erstmal das Subjekt getreu der SPO-Regel: Wer ist hier überhaupt gemeint? Oder: Wer führt hier eine Aktion aus? Dann merkst du schnell, dass nicht der Postbote, sondern der Hund der Akteur ist.

Ein weiteres Problem bei Passivstrukturen ist, dass es häufig gar kein Objekt gibt. Das kann man sehr schön bei den Texten von öffentlichen Stellen beobachten. Seitenlange Schreiben kommen auf diese Weise ganz ohne ein Subjekt aus. Da heißt es dann: “ Beigefügte Unterlagen sind fristgerecht bei unserer Behörde vollständig ausgefüllt einzureichen.“ Nochmal die SPO-Frage: Wer macht hier was? Also: Wer soll fristgerecht die Unterlagen einreichen? Das steht nicht explizit da. Aber wir alle wissen, dass wir, die Empfänger solcher Schreiben, gemeint sind. Übrigens finde ich solche Kontruktionen generell nicht geeignet, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Verben statt Substantive

Studien haben es hinreichend belegt: Es fällt uns leichter, einen Satz zu lesen, der mit vielen Verben bestückt ist, als einen Satz, der mit Substantiven arbeitet. Ein Beispiel mit vielen Substantiven: „Die in dem Bericht dargestellten Analysen auf der Grundlage eines vom BMWK beauftragten Forschungsgutachtens zeigen, dass zwischen den einzelnen Stadt- und Landkreisen unterschiedlich stark ausgeprägte regionale Ungleichheiten bestehen.“
Hier kommen wir auf insgesamt 7 Substantive und 2 Verben, die zusammen einen inhaltlich stark komprimierten Satz ergeben.
Dröseln wir das Ganze mal in eine Leichtere Version auf: Das BMWK hat ein Forschungsgutachten in Auftrag gegeben. Daraufhin hat jemand Analysen gemacht. Es gibt einen Bericht. Der Bericht stellt die Analysen dar. Die Analysen zeigen: Es gibt regionale Ungleichheiten. Die Ungleichheiten bestehen zwischen den einzelnen Stadt- und Landkreisen. Die Ungleichheiten sind regional unterschiedlich stark ausgeprägt.


Du siehst: Im Ausgangstext fallen durch die Häufung der Substantive viele Verben weg. Diese jedoch würden den Text besser verständlich machen. Du siehst auch, dass meine Version deutlich konkreter ist, weil ich Verben ergänzt habe. Wir kommen nun auf insgesamt 8 Verben in der Leichteren Version, die dem Text Verständlichkeit verleihen. Außerdem wird der Text konkreter. Zum Beispiel hier bei der Wiederholung des Worts Ungleichheiten: Durch die Aufteilung in einzelne Sätze mit Verb wird deutlicher, was das Wort Ungleichheit im Ausgangstext alles beinhaltet: Erstens, es gibt Ungleichheiten, zweitens, sie bestehen zwischen den Stadt- und Landkreisen und drittens, sie sind regional unterschiedlich stark ausgeprägt. Das sind drei Aussagen, die du in Leichter Sprache dann auch in drei Sätze packen solltest, und zwar im Verbalstil. Damit wird der Inhalt viel deutlicher und einfacher.

Zugegeben, das war ein schweres Beispiel. Hier kommt eines, das vielleicht eingängiger ist: „Unser Haustechniker wird bei Ihnen eine Messung durchführen. Verbal formuliert heißt es: „Unser Haustechniker misst …“ Und hier fällt auch wieder auf, wie ungenau die Substantivformulierung sein kann, denn es ist nicht klar, was gemessen wird. Hier hilft nur: Im Kontext ergänzen, oder beim Auftraggeber nachfragen. Denn auch das macht eine gute Übersetzung in Leichte Sprache aus: Schwächen und Unklarheiten aufdecken zum Wohle der Zielgruppe. Die nächste Regel:

Genitiv vermeiden

Der Genitiv ist eine extrem schwer zu verstehende Konstruktion, insbesondere für Menschen, die erst Deutsch lernen. Begriffe, die vielleicht bereits bekannt sind, erhalten durch den Genitiv häufig ein -s am Ende wie hier bei Studium und werden dann vielleicht nicht mehr eindeutig erkannt. Außerdem verändern sich die Artikel. Aus „die Veranstaltung“ wird dann im Genitiv „der Veranstaltung“, was zu weiterer Verwirrung führt. Deshalb verzichtet Leichte Sprache konsequent auf den Genitiv. Auch wieder ein Beispiel: Nach Abschluss seines Studiums fand ​Jans Umzug nach Hamburg statt.​

Die Problematik besteht nicht nur in den beiden Genitiven (seines Studiums, Jans Umzugs) sondern auch darin, dass diese Formulierung zwei Aussagen miteinander verbindet. Das Pronomen „seines“ passt, rein grammatikalisch gesehen, auf beide Substantive: Jan und Studium. Ungeübte Leser könnten denken, es bezieht sich auf das Studium. Was ist hier zu tun? Wir lösen die beiden Substantive „Abschluss“ und „Umzug“ auf in die entsprechenden Verben „abschließen“ und „umziehen. Für das Verb „abschließen“ finde ich noch eine leichtere Variante: „Erst hat Jan sein Studium fertig gemacht. Dann ist Jan nach Hamburg gezogen.“

Präteritum vermeiden

Präteritum ist die Vergangenheitsform, die wir eher in der Schriftsprache sehen: Ich aß ein Eis; das Taxi hielt vor der Tür; der Politiker kam zu spät. Die wird in Leichter Sprache nicht verwendet. Sie ist aus vielen Gründen zu schwierig, aber die Details erspare ich dir. Brauchst du eine Vergangenheitsform in Leichter Sprache, dann verwende das Perfekt. Das ist die Vergangenheit, die wir meist beim Sprechen benutzen: Ich habe ein Eis gegessen; das Taxi hat vor der Tür gehalten; der Politiker ist zu spät gekommen.

Fazit

Das waren die wichtigsten Regeln, die du bei einem Satz anwenden solltest. Auch wenn das hier ziemlich schwer klingt, ist es doch einfach. Stell es dir wie eine Matheformel vor, die du auflöst. Gehe Schritt für Schritt vor: Teile lange Sätze in Einzelsätze auf. Packe nur eine Aussage in jeden Satz. Schreibe diese Sätze so, dass der Akteur am Anfang steht. Gibt es ein Passiv im Satz, wandle um in Aktiv (denk an den Postboten und den Hund). Und schau, ob du Substantive durch Verben ersetzen kannst, damit der Satz einfacher zu verstehen ist. Achte dann noch auf die richtige Zeit und du bist bestens gerüstet! Und vielleicht ist in diesem Beitrag auch deutlich geworden, wie hilfreich es ist, sich einigermaßen in der deutschen Grammatik auszukennen!