Leichte Sprache und die Budgets

In meinen letzten beiden Beiträgen ging es darum, was passiert, wenn Kommunikation nicht verstanden wird, und darum, wie Einrichtungen auch ohne großes Budget verständlicher kommunizieren können. Und nun lege ich einen dritten Text in dieser Reihe nach. Dieser Text handelt von einer Beobachtung, die mich als Übersetzerin für Leichte Sprache seit Monaten beschäftigt. Meine Erfahrung ist: Die Aufträge bleiben aus. Und das ist nicht vereinzelt passiert, sondern schnell, spürbar und flächendeckend. Anfragen und Aufträge von öffentlichen Verwaltungen, sozialen Trägern, Einrichtungen, die noch vor zwei Jahren regelmäßig Texte in Leichter Sprache beauftragt haben, bleiben einfach aus. Sogar Ausschreibungen wurden angehalten und vorerst auf Eis gelegt. Wenn ich mich in meinem beruflichen Umfeld umhöre, geht es anderen genauso.

Was passiert ist

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat tatsächlich keine Kürzungen an der Barrierefreiheit vorgenommen, obwohl das die einfache Erklärung gewesen wäre. Formal besteht das Bekenntnis zur Teilhabe weiter. Das Bekenntnis wird sogar weiter ausgebaut, indem nun endlich das Kompetenzzentrum für Leichte Sprache und Gebärdensprache eingerichtet werden soll. Zurzeit laufen dazu mindestens drei konkrete Stellenausschreibungen. Aber: Leichte Sprache wird nicht vom Ministerium beauftragt, sondern von den Kommunen, sozialen Trägern und Einrichtungen der Eingliederungshilfe vor Ort. Aber genau diese Organisationen mussten krasse allgemeine Kürzungen hinnehmen. Und das führt dazu, dass sie ihre Ausgaben priorisieren müssen – und Leichte Sprache quasi entfällt.

Im April 2026 hat der Paritätische Wohlfahrtsverband NRW ein internes Arbeitspapier von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden öffentlich gemacht, das weitreichende Kürzungen im Sozialbereich vorsieht, unter anderem in der Eingliederungshilfe. Christian Woltering, Vorstand des Paritätischen NRW, spricht von einem „tiefgreifenden Richtungswechsel” und warnt davor, dass „zentrale sozialstaatliche Rechte künftig unter einen Finanzierungsvorbehalt gestellt werden.”

Die Eingliederungshilfe ist genau der Bereich, in dem viele Leichte-Sprache-Projekte verankert sind. Wenn dort die Mittel knapper werden, verschwindet Leichte Sprache einfach als Kollateralschaden sozusagen. Leichte Sprache ist nun etwas, das man sich eben nicht mehr leistet, wenn das Geld knapp wird.

Was das über den Stellenwert von Leichter Sprache aussagt

Und so lautet die bittere Erkenntnis: Wenn Aufträge verschwinden, sobald die Förderung wegfällt, wurde Leichte Sprache nie als eigene Verantwortung verstanden. Leichte Sprache war also nichts weiter als ein gefördertes Projekt, aber sie war nie eine Selbstverständlichkeit. Kaum eine Einrichtung sagt: Das gehört zu unserer Arbeit, das finanzieren wir aus unserem regulären Budget. Stattdessen lautet die Logik: Es gibt Fördermittel dafür, also machen wir es. Es gibt keine Fördermittel mehr, also machen wir es nicht mehr.

Leichte Sprache ist also nie wirklich in der Gesellschaft angekommen. Sie rangiert als Zusatzleistung auf gleicher Höhe mit anderen variablen Kosten: Extern finanziert, extern motiviert. Und deshalb bei der ersten Kürzung sofort wieder weg.

Was mich daran stört: Das Bekenntnis zur Barrierefreiheit ist ganz weit oben angesiedelt, z. B. im Gesetz, in der politischen Rhetorik, in den Leitbildern. Aber es kommt unten nicht an. Die Verantwortung wird vom Ministerium nach unten delegiert; die bereitgestellten Mittel reichen jedoch nicht aus, um dem Bekenntnis zur Barrierefreiheit gerecht zu werden.

Wen das betrifft

Die Menschen, die auf Leichte Sprache angewiesen sind, sind nicht weniger geworden. Zur Erinnerung hier noch einmal ein Link zu einem frühen Blogbeitrag zum Thema Zielgruppen für Leichte Sprache. Wir reden von Menschen mit Lernschwierigkeiten, mit geringer Literalität, mit diversen Behinderungen, aber wir reden auch von Menschen mit Deutsch als Zweitsprache. Ihr Bedarf an verständlicher Kommunikation hat sich nicht verändert. Was sich jedoch deutlich verändert hat, ist ganz augenscheinlich die Bereitschaft, diesen Bedarf zu bedienen.

Wenn Woltering sagt, dass Leistungen künftig nicht mehr am Bedarf der Menschen ausgerichtet werden, sondern daran, was eingespart werden kann, dann beschreibt er damit exakt das, was bei Leichter Sprache bereits geschieht. Der Bedarf ist da. Das Geld nicht. Also passiert nichts.

Fazit

Ich will keine politische Schuldzuweisung betreiben. Aber ich möchte über die unbequeme Wahrheit sprechen, dass Leichte Sprache es in all den Jahren nicht geschafft hat, als Selbstverständlichkeit wahrgenommen zu werden. Trotz gesetzlicher Grundlagen, trotz UN-Behindertenrechtskonvention, trotz Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. Leichte Sprache bleibt immer noch eine freiwillige Leistung, die man sich nur leistet, wenn es Förderung dafür gibt.

Wenn wir das ändern wollen, reicht es nicht, auf neue Fördertöpfe zu warten. Vielmehr müssen wir die Frage umformulieren. Nicht: Wer bezahlt Einrichtungen dafür, dass sie verständlich kommunizieren? Sondern: Warum kommunizieren Einrichtungen immer noch so kompliziert? Warum gibt es nicht längst fest verankerte Initiativen für verständliche Sprache, aus eigenem Antrieb? Und: Wie wollen wir als Gesellschaft miteinander umgehen?

Das musste mal gesagt werden.